Der demografische Wandel ist keine Prognose mehr. Er ist die Bilanz von heute

Destatis erwartete für 2035 rund 5,6 Millionen Pflegebedürftige. Diese Marke ist längst überschritten. Wer den demografischen Wandel weiter als Zukunftsthema behandelt, plant an der eigenen Bilanz vorbei.

Im März 2023 veröffentlichte das Statistische Bundesamt seine Pflegevorausberechnung. Für Ende 2035 wies die Variante mit konstanten Pflegequoten rund 5,6 Millionen Pflegebedürftige aus, für 2055 rund 6,8 Millionen. Neun Monate später meldete dieselbe Behörde für den Stichtag 31. Dezember 2023 bereits knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftige, ein Zuwachs von 730.000 Personen oder 15 Prozent gegenüber 2021. Das Bundesgesundheitsministerium spricht in seiner Begründung zum aktuellen Reformentwurf von mehr als sechs Millionen anerkannten Pflegebedürftigen.

Die Prognose für 2035 wurde also zwölf Jahre früher erreicht als berechnet. Ein Teil davon geht auf den weiter gefassten Pflegebedürftigkeitsbegriff von 2017 zurück, ein Teil auf die Alterung selbst. Für die Steuerung eines Unternehmens ist die Ursache zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Planungsgrundlage vieler Häuser aus einer Welt stammt, die es nicht mehr gibt.

5,7 Mio.Pflegebedürftige zum 31.12.2023, prognostiziert waren 5,6 Millionen für 2035
+280.000zusätzliche Pflegekräfte, die bis 2049 mindestens gebraucht werden
86 %aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt

Drei Kurven, die in unterschiedliche Richtungen laufen

Die erste Kurve ist der Bedarf, und sie steigt weiter. Die Jahrgänge 1954 bis 1967 erreichen ab 2030 das Alter mit den höchsten Pflegequoten. Der stärkste Zuwachs entsteht bei den über 80-Jährigen, also in der Gruppe mit dem höchsten Versorgungsaufwand, der höchsten Multimorbidität und der geringsten Verweildauerplanbarkeit.

Die zweite Kurve ist das Personal, und sie steigt zu langsam. Das Statistische Bundesamt hat den Bedarf an erwerbstätigen Pflegekräften von 1,62 Millionen im Jahr 2019 auf rund 2,15 Millionen im Jahr 2049 fortgeschrieben, ein Plus von einem Drittel und mindestens 280.000 zusätzlichen Kräften. Diese Zahl beschreibt einen Bedarf, keinen Zugang. Der Arbeitsmarkt, aus dem diese Menschen kommen müssten, schrumpft parallel.

Die dritte Kurve ist die Finanzierung, und sie sinkt real. Die Pflegeversicherung finanziert ihre laufenden Verpflichtungen derzeit über Darlehen des Bundes, und das Verhältnis von Beitragszahlenden zu Leistungsbeziehenden hat sich von 29 zu 1 im Jahr 1998 auf etwa 10 zu 1 verschoben. Jede kommende Reform wird an dieser Stelle ansetzen, unabhängig von der jeweiligen Koalition.

Diese drei Kurven treffen sich nicht. Sie erzeugen eine Kapazitätslücke, die sich nicht durch Wachstum schließen lässt.

Das begrenzende Element ist weder Nachfrage noch Fläche, sondern qualifizierte Arbeitszeit und refinanzierbares Kapital.

Was das für Betreiber bedeutet

Der deutsche Pflegemarkt konsolidiert seit Jahren, und der Grund dafür ist selten unternehmerisches Versagen. Kleine Träger mit einem Standort tragen dieselben regulatorischen Fixkosten wie Gruppen mit dreißig Einrichtungen, ohne die Größe, sie zu verteilen. Steigende Miet- und Investitionskosten verstärken das. Wer heute allein steht, verhandelt gegenüber Kostenträgern, Banken und Personalvermittlern aus einer strukturell schwächeren Position.

Gleichzeitig verschiebt sich Versorgung in Richtung Häuslichkeit. Rund 86 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, und die Politik verstärkt diesen Weg über Leistungsrecht und Finanzierung. Für Betreiber stationärer Kapazität bedeutet das eine Bewohnerstruktur mit höherem Pflegegrad, kürzerer Verweildauer und aufwendigerer Versorgung bei gleichbleibendem Personalschlüssel. Wer diesen Effekt nicht in seiner Kalkulation abbildet, verliert Ergebnis, ohne die Ursache zu erkennen.

Warum Technologie allein nichts löst

In fast jedem Gespräch über den Fachkräftemangel folgt der Verweis auf Digitalisierung. Das ist richtig und wird trotzdem regelmäßig falsch umgesetzt. Technologie ersetzt keine Pflegekraft. Sie ersetzt Dokumentationszeit, Wegezeit, Doppelerfassung, Abrechnungsfehler und Planungsaufwand. Der Nutzen entsteht erst, wenn der zugrunde liegende Prozess verändert wird, und genau dieser Schritt wird in den meisten Projekten übersprungen.

Ich habe genügend Einführungen begleitet, um den Unterschied klar zu benennen. Projekte, die mit einer Prozessaufnahme und einer messbaren Zielgröße beginnen, etwa Minuten pro Tour oder Fehlerquote in der Abrechnung, liefern nach zwölf Monaten belegbare Effekte. Projekte, die mit einer Systemauswahl beginnen, liefern eine neue Oberfläche für dieselbe Arbeit. Der Unterschied liegt nicht in der Technologie, er liegt in der Führung.

Was jetzt Führungsaufgabe ist

Die nächsten fünf Jahre entscheiden, welche Träger in diesem Markt eigenständig bleiben. Dafür braucht es drei Dinge, und keines davon ist neu.

Es braucht eine belastbare Sicht auf die eigene Erlösstruktur nach Leistungsarten und Pflegegraden, weil jede Reform zuerst dort wirkt. Es braucht eine Personalstrategie, die Bindung höher gewichtet als Gewinnung, weil der externe Markt die benötigten Kräfte nicht hergeben wird. Und es braucht die Bereitschaft, Standorte, Kooperationen und Eigentümerstrukturen offen zu bewerten, solange man dabei noch verhandeln kann und nicht verkaufen muss.

Der demografische Wandel ist in der öffentlichen Debatte seit dreißig Jahren angekündigt. In den Bilanzen der Branche ist er seit etwa drei Jahren angekommen. Diese Verzögerung erklärt einen großen Teil dessen, was derzeit als Krise beschrieben wird.

Sascha Platen

Rund 20 Jahre in der Pflege- und Gesundheitswirtschaft: als Gründer und Geschäftsführer, in Verantwortung für M&A-Transaktionen im Gesundheitswesen und heute in leitender Funktion im Deutschlandgeschäft eines europäischen Softwareunternehmens. Daneben Senior Advisor und Beiratsmandate in der Pflegewirtschaft.

kontakt@sascha-platen.de

← Zurück zum Blog