Fast jede Einrichtung, mit der ich spreche, will „digitaler" werden. Es gibt Förderprogramme, Projektpläne, Pilotstationen. Was selten zuerst gefragt wird, ist das Einfachste. Wofür eigentlich? Digitalisierung ist in der Pflege zu einem Ziel an sich geworden. Dabei ist sie bestenfalls ein Mittel.
Eine digitale Lösung, die im Alltag mehr Zeit bindet, als sie zurückgibt, ist kein Fortschritt, nur weil sie auf einem Bildschirm läuft. Der Maßstab ist nicht, ob etwas digital ist, sondern ob es im Alltag spürbar etwas verbessert.
Der Reflex, Technik mit Fortschritt zu verwechseln
Technologie wirkt fortschrittlich, also fühlt sich ihre Einführung wie Fortschritt an. Genau dieser Reflex ist teuer. Er verschiebt die Aufmerksamkeit von der Versorgung auf das System. Am Ende merkt nicht die Software, sondern der Mensch im Bett, dass die Station mit ihrer Einführung beschäftigt ist.
Die beste Software ist die, die man im Pflegealltag gar nicht bemerkt, weil sie einfach trägt.
Drei Fragen, die ich zuerst stelle
Bevor ich über eine Lösung urteile, stelle ich drei Fragen, die nichts mit Technik zu tun haben.
Spart sie Zeit am Menschen? Nicht Zeit im Prozess, sondern Zeit, die tatsächlich bei der Versorgung ankommt.
Reduziert sie Doppelarbeit? Oder schafft sie nur eine weitere Stelle, an der dasselbe noch einmal eingegeben wird?
Hält sie im Alltag? Nicht in der Demo und nicht in der Pilotwoche, sondern an einem unterbesetzten Sonntag im November.
Was das für Investitionen heißt
Wer in Health-IT investiert, kauft selten eine Technologie. Er kauft das Versprechen, dass Menschen das Werkzeug benutzen, weil es ihnen den Tag erleichtert. Lösungen, die dieses Versprechen nicht halten, sind auch dann kein gutes Investment, wenn die Demo brillant ist.
Pflege als Wertschöpfung zu denken heißt deshalb nicht, sie schneller zu digitalisieren. Es heißt, Technologie an ihrer Wirkung zu messen und den Mut zu haben, das meiste wegzulassen.